September Oktober 2017

Waren Sie im Urlaub mal Boot fahren? Paddeln oder lieber doch mit Motor? Wir saßen auch mal auf einem Tretboot Marke Eigenbau. Damit ließ sich das Sprichwort, die Letzten werden die Ersten sein live erleben. Je langsamer man reist, desto mehr kann man erleben.

Doch in einer anderen Hinsicht, bekommt der Vers erst sein Gewicht. Die Letzten werden die ersten sein. Das lässt man sich doch gern sagen. Ich höre das ständig, dass Leute sich als die „Letzten“ fühlen, die Im-Stich-Gelassenen, die Ausgebeuteten, die Verratenen. Überall wittert man Misstrauen und Betrug. Kaum eine Tür, die nicht mindestens zweimal rumgeschlossen ist. Ständig Gefahr. Was könnte ich verlieren, wo den Kürzeren ziehen? Nicht mit mir! Bloß nicht!

In so einer verzweifelten Gesellschaft kann so eine Haltung die letzte Waffe sein. „Du wirst schon sehen, alles kommt zurück! Heute hast du Macht über mich, heute bin ich unterlegen aber hör gut hin: Die Letzten werden die Ersten und die Ersten werden die Letzten sein!“ Denken Sie, Jesus hat das so gemeint? War er einer, der uns

Selbstverteidigung und Selbstrechtferti-gung beibringen wollte? Wer diesen Vers als Speerspitze gegen „die anderen“ ergreift, gegen die Feinde, der richtet letztlich die selbige gegen sich. Ich glaube, wenn es nach Jesus ginge, könnten wir ruhig öfters mal die ersten sein. Die Ersten, die ihre Tür aufmachen, die anderen die Hand reichen, die vergeben, vertrauen und sich angreifbar machen.

Wer möchte sich überhaupt anmaßen zu sagen, er gehöre zu jenen Letzten und sitzt am gut gedeckten Tisch und kriecht unter die warme Daunendecke. Mit seinem Wort von den Ersten und Letzten richtet sich Jesus gegen jene, die meinen, vor ihm als besonders gerecht gelten zu müssen, die sich über andere erheben und sei es als stilisierte Opfer.

Für Jesus gilt vielmehr: „Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“ Fassen wir uns an die eigene Nase und nicht um Erster zu sein, sondern einfach so.

 


Juli August 2017

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR. Lev 19,32

In meiner Tätigkeit als Pfarrer erlebe ich es immer wieder. Die ältere Gruppe der Gemeindemitglieder, insbesondere jene, die altersbedingt keiner Berufstätigkeit mehr nachgeht, ist die größte und stabilste. Die etwas sperrige Ausdrucksweise im vorangehenden Satz, das werden sie ahnen, hängt damit zusammen, dass oftmals Menschen aus eben jener Altersklasse nicht so gern als Alte oder Rentner oder Senioren bezeichnet werden möchten. Das Alter steht in unserer Gesellschaft nicht sehr hoch im Kurs. Insbesondere das Ausscheiden aus der Berufstätigkeit oder die stärker werdenden körperlichen Gebrechen werden immer wieder als unerwünscht und als Verlust dargestellt. Was bin ich noch wert, wenn ich einmal alt bin?

Im kirchlichen Leben findet sich dieses Phänomen auch und es ist geradezu paradox. Obwohl die, und jetzt sage ich einfach mal, Senioren die größte, stabilste und aktivste Gruppe der Gemeindemitglieder bilden, wird der Fokus allzu oft auf die notwendige Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verengt. „Wo bleibt der Nachwuchs?“, fragt man allerorten. Und dabei werden Phänomene wie der demographische Wandel gänzlich vergessen. „Früher gab es auch bei uns Christenlehre, warum heute nicht mehr?“  Meistens liegt das tatsächlich daran, dass man in den kleinen Dörfern kaum noch Kinder und erst recht keine getauften Kinder mehr findet. Und wie ist das mit den Menschen mittleren Alters? Sie arbeiten oft viel, nehmen große Fahrtwege für alles möglich in kauf. Das Familienleben steht naturgemäß im Vordergrund, nicht selten sind es Zerwürfnisse und Probleme in den Familien, die den Menschen Kraft rauben und das Bedürfnis an Spiritualität verblassen lassen.

In der Bibel steht die Ehrfurcht vor dem Alter in unmittelbarem Zusammenhang mit der Gottesfurcht. Das Alter ist kein Defizit, es ist die Basis und das Wissen unserer Gesellschaft. Es ist die Lehre aus der Vergangenheit. Es ist das allsonntägliche Gebet in der kleinen Dorfkirche. Es ist der Bewahrer des Glaubens.

 


Januar Februar 2017

Das große Jahr des Reformationsjubiläums steht vor der Tür. Aber Sie brauchen sich deshalb nicht durchs Fenster rein schleichen. Ich finde den großen Hype um das Jubeljahr gelegentlich etwas aufdringlich. Die kommerzielle Ausschlachtung dieser Zeitenwende von 1517, mit dem Anschlag der 95 Thesen Luthers an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg, würde den betreffenden Reformatoren wahrscheinlich die Haare zu Berge stehen lassen.

Personenkult, Werbeartikel, kleine Events und Großprojekte, wie der „Kirchentag auf dem Weg“, pflastern den Terminkalender. Freilich, ohne das große Jubiläum hätten wir heute wahrscheinlich keine Luther-Playmobil-Figuren.

Genug der Ironie. Das Feiern von besonderen Jahren ist sehr wichtig. Denken Sie an Silberne und Goldene Hochzeiten, Jubelkonfirmationen, runde Geburtstage. Die damit verbundenen Feste markieren Lebensübergänge und gestalten diese. Jubiläen inspirieren einen, sich neben dem Blick zurück auch darüber Gedanken zu machen, was da möglicherweise noch vor einem liegt und wie man die Zukunft gestalten möchte. Auch über das, was man in Zukunft unbedingt anders machen möchte, kann man dabei nachdenken.

In Bezug auf den Einzelnen ist das ganz persönlich. Bezüglich der Kirche sind diese Fragen von großer Tragweite, für eine ganze Kultur, selbst für jene, die sich dessen nicht bewusst sind.

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

Von Anbeginn der christlichen Religion wurden durch Christen Fehler gemacht. Die Ethik der Nächstenliebe Jesu wurde zu oft vergessen. Der Blick zurück sieht auch die Schatten. Aber schaut man genau hin, entdeckt man auch so viele Blüten und Wohltaten des Glaubens. Und die kleinen Pflänzchen des göttlichen Funkens sind überall zu finden. Die Zukunft steht uns offen. Wir sind die Reformatoren! Wir können alles ändern. Gottes Versprechen, mit uns zu gehen, steht fest. Nur Mut!

 

 

November und Dezember

Kriegsgedenken findet hierzulande vielerorts Ausdruck in Tafeln, die die Namen Gefallener und derer festhalten, die an Kriegshandlungen beteiligt waren. An manchen Orten wurden solche Namenslisten explizit dem „Heldengedenken“ gewidmet.

Im November, immer am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, ist der sogenannte Volkstrauertag angesiedelt. Vor dem Buß– und Bettag gestalten viele Kirchengemeinden mit Andachten oder anderen Aktionen eine „Friedensde-kade“. Zehn Tage dreht sich dabei vieles um das Thema Frieden.

Das sind zwei völlig unterschiedliche Perspektiven auf den gleichen Gegenstand, „Heldengeden-ken“ gegen „Friedensgedenken“.

Die Propheten des Alten Testaments stehen deutlich der zweiten Perspektive nahe. Leben in Frieden bedeutet ihnen allerdings mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg. „Israel erkannte in einem Leben in Frieden die Heilsmitteilung Gottes. Frieden, Schalom wünschten die Menschen einander als Ausdruck eines Lebens in Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit.“ („Gerechtigkeit schafft Frieden, Deutsche Bischofskonferenz 1983/91, S. 11)

Und dieser umfassende Friedensbegriff gründet in dem Bund mit Gott, im Glauben, wohlwissend, dass dieser Friede niemals ganz realisiert wurde und bedenkend, dass auch das Volk Israel durch kriegerische Handlungen schuldig geworden ist, wie jedes Volk. Der Glaube drückt sich in der Orientierung an Gottes Geboten aus. Jeder muss durch sein Handeln am Frieden mitwirken, darin wird Gott erkennbar. Die Propheten hoffen, dass es spätestens am Ende der Zeit so weit sein wird, wenn immer wieder Menschen die „Werke der Gerechtigkeit“ (Jes 32,17) üben, sie selbst Frieden machen, dass „Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln“ umgeschmiedet werden.

Der Krieg kennt keine Helden, nur Leid und Ungerechtigkeit. Die wahren Helden Gottes sind die, die den Frieden lieben und je nach ihren Möglichkeit alles tun, diesen hier und da zu verwirklichen.

 

 

 

 


September Oktober 2016

 

Auf Wiedersehen lieber Urlaub! Das zu sagen fällt mir und den meisten Leuten nicht gerade leicht. Erfreulicherweise rückt auch immer wieder mal der nächste Urlaub ins Blickfeld. Im Laufe unseres Lebens nehmen wir so oft Abschied. Eigentlich müssten wir ziemlich geübt darin sein. Nicht nur im privaten Bereich, auch in der Politik, der Arbeitswelt, sogar hinsichtlich der gesellschaftlichen Lebensbedingungen ist immer alles in Bewegung und immer wieder gilt es, von Gewohntem Abschied zu nehmen.

 

Was Kirche bedeutet wandelt sich so rasant, dass man kaum hinterher kommt.

 

Meine Erkenntnisse zum Leben und Arbeiten in Rastenberg wandeln sich auch immer wieder.

 

Im März  des kommenden Jahres geht meine 3-jährige Entsendungszeit zu Ende. Im Oktober berät die Kirchenleitung über meinen Dienst und schätzt ein, wie meine Arbeit bisher war und ob sich daran erkennen lässt, dass ich für ein lebenslanges Dienstverhältnis in der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland geeignet bin. Erwartung, Veränderung. Und ich blicke auf über zwei Jahre zurück. Es hat sich so viel verändert. Im August sah ich den Schulanfängern bei der Schuleinführung in die Augen. Veränderung und Aufregung stand darin geschrieben. So ist unser Leben. Wir haben es nicht in der Hand.

 

Wie lebe ich mit Veränderungen  und dem Auf-Wiedersehen? Ich brauche das Gefühl frei zu sein. Ich glaube an die Freiheit.

 

„Wo aber der Geist Gottes ist, da ist Freiheit."

 

Juli August

Ich liebe Musik. Ich singe sehr gern und ich genieße es mit der richtigen Musik durch den Tag zu gehen. Kirchenmusik ist vielen Menschen nicht mehr sehr nahe. Oft wird sie als zu schwer oder zu lebensfern beschrieben. Die alten Choräle wirken auf manche sogar abschreckend, sodass sie schon wegen der Lieder nu wenig Lust haben, einen Gottesdienst zu besuchen. Das gemeinschaftliche Singen hat insgesamt, so ist mein Eindruck, an Bedeutung für die Gesellschaft verloren. Stattdessen sind musikalisch sehr ähnlich anmutende, gefällige, weniger komplexe Lieder aus Rundfunk und Fernsehen auf dem Vormarsch.

Interessant an diesen ist für mich, dass das Thema der Sinnsuche eine große Rolle spielt. Christina Stürmer: „Das Leben ist der Himmel. Das Leben ist die Hölle. Du baust dein Schloss auf Sand, dann kommt die Welle. Sag mir was wirklich bleibt!“ Eine Fußball-Europameisterschaft ist ohne eine eigene Hymne nicht vorstellbar. Max Giesinger fragt in seinem Lied ratlos: „Wie hast du mich gefunden, einer von 80 Millionen?“ Zufall oder was?

 

Wie kann das alles so sein, wie es ist?

Musik hilft uns, unsere tiefsten Emotionen und unsere größten Fragen zum Ausdruck zu bringen.

In Guthmannshausen singt der Kirchenchor nun schon seit 20 Jahren. Die Chöre freuen sich, wenn sich neue Sängerinnen und Sänger finden, die helfen, auch die traditionellen Stücke neben den neueren in uns zum Klingen zu bringen. Vielleicht finden diese Lieder für den Glauben manchmal nicht die richtigen Worte. Die jahrtausendealte Gattung der geistlichen Musik ist nicht leicht, aber sie birgt einen wahren Schatz an Glaubenserfahrungen und Bildern, die unser Leben auch in unserer Zeit reicher machen können, für jeden, der danach sucht. „Singt dem Herrn ein neues Lied, singet dem HERRN alle Welt!“

(Psalm 96,1)

 


Mai - Juni

 

Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst. 1.Kor 6,19 

 

Wenn ich das Wort „Tempel“ höre, denke ich zuerst an berühmte Gebäude wie die Akropolis in Athen. Unsere Kirchen sind auch nichts anderes als Tempel.

 

In Tempeln wird gebetet, gesungen, geschwiegen, geweint, gehofft und manches mehr. Tempel sind meist groß. Sie wirken als Zentren. Sie verbürgen das Leben, die Seele von geistlichen Gemeinschaften. Im Korintherbrief heißt es, unser Körper sei auch ein Tempel. In diesem Tempel wohne und wirke der Heilige Geist. Gottes Geist bürgt für meine Seele und mein Leben.

 

So wie uns die Tempel in unseren Orten nicht einfach gehören, sondern wie sie allen Menschen ein Zeichen des Friedens sein sollen, so gehört uns auch unser Körper nicht allein, und nicht wir allein sind als Tempel des Heiligen Geistes erwählt. Der Heilige Geist nimmt von uns Besitz, und damit sind wir alle als Tempel miteinander verbunden. Wir gehören nicht uns selbst, sondern wir gehören einander. Wir haben Verantwortung.

 

Unsere Kirchen verlieren an Kraft. Nur wenige zieht es noch in die Tempel. Vielleicht besucht man den einen oder anderen im Urlaub. Aber der Bürge für die Seele der Gemeinschaft an dem Ort, an dem ich wohne, leidet. Man muss, blickt man auf die statistischen Tendenzen der nächsten Jahre, sogar sagen, er stirbt. Die sichtbare Kirche löst sich auf und verschwindet in unserem Land vielleicht schon bald und noch viel schneller, als man es bisher fürchtete.

 

Wenn wir die Seele unserer Gemeinschaft verlieren, bin ich sicher, verlieren wir uns selbst.  Vergessen wir den Geist und unsere Verantwortung, sterben auch wir, allein. Zu glauben oder der Kirche anzugehören bedeutet nicht, einfach zu allem JA und AMEN zu sagen. Der Glaube muss interpretiert und mit ihm muss gerungen werden. Manches muss sich gewiss auch verändern aber wenn wir nicht mehr fragen, gehen nicht nur unsere Kirchen, sondern auch unsere Verbindungen auf ewig zu Grunde.

 

 

 


Zur Jahreslosung 2016

"Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet." (Jesaja 66,13)

Ach, wie schön. Ein Bild für die Götter, äh, ups, Entschuldigung. Wenn die Mutter getröstet hat, das war schön. Aller Groll vergessen. Schmerzen nur noch halb so schlimm. Geborgenheit. Wärme. Sicherheit.

Aber wenn sie zornig war... Wenn sie gerade nicht die richtige war... Wenn sie ungerecht war...

Das sind doch auch Elemente, die zur Mutter gehören.

Ist Gott wie eine Mutter?

Hat die Göttin uns unter Schmerzen geboren?

Hat sie uns versorgt mit dem Nötigen?

Hat sie uns erzogen, uns geherzt aber auch bestraft? Ist sie manchmal mit uns an die Grenzen gekommen, war überfordert und hat gewiss auch Fehler gemacht?  

Ja, manches von diesen Dingen habe ich erlebt.

Manches.

Und doch, manches passt nicht so ganz.

Gott als Frau und Mutter?

Na so ganz...also ich weiß nicht!

 

Aber gut, Vater sagt man ja auch so schnell dahin. Trinkt Gott Feierabendbiere?

Komisch, so schnell und alltäglich ist Göttin uns Mensch.

 

Sogar mit dem göttlichen Kind geht das so weiter.

 

Gott, Mensch und doch viel mehr.

 

Aber eine, die tröstet, wie eine Mutter, wie eine tröstende Mutter. Wunderbar.

Und, Mensch, Trost hast du bitter nötig.

Danke Mutter unser im Himmel!

 

                                                                   Pfarrer Simon


Advent 2015

Wenn ich abends manchmal daheim sitz und besonders in der Adventszeit so hin und her gerissen bin zwischen der Freude, die die vielen Lichterbögen und die scharf in rot und grün kontrastierten Weihnachtskränze in die Welt schmeißen wollen und dem Gefühl, dass da hinter den hell erleuchteten Fenstern Einsamkeit und Zorn und viel Ratlosigkeit die Flure auf und ab schreitet, hab ich Angst, dass ich mich in den spannungsreichen Empfindungen der mich umgebenden Welt verliere.

Wie auf einem Teppich aus Sand gehe ich in die Häuser und an die Kaffeetafeln. Manchmal habe ich die richtigen Schuhe an und manchmal sehen die Leute, wie unangemessen ich für die vorgelegten Aufgaben ausgerüstet bin. Der Nebel umströmt mich, der von oben betrachtet wie ein weiches Meer, wie ein Bett aus Daunen erscheint, in dem drinnen aber gleichzeitig schwere Unfälle sich ereignen und man die Hand, die einen führt und die Hand, mit der man sich vorwärts tastet, nicht mehr sehen kann.

Aber dann ändert sich etwas. Ein kleines Licht, dass mein Herz wärmt, sobald ich es erblicke. Das Licht in dem kleinen Zimmer. Und ich komme näher und ich sehe wieder ein Umriss von der richtigen Welt. Da ist Holz und Stein und eine Decke und Gesichter. Ein Kind, dass ruhig in seinem Bettchen liegt mit engelsgleicher Miene, ein anderes, dass mit einem Tränchen im Auge voller Sorge sein Kuscheltier sucht, der Junge, der überglücklich seiner Mutter in den Arm läuft und das Mädchen, dass staunend vor einer Eisblume verstummt.

Gott kommt zu uns in den Kindern. Worauf wir warten ist Weihnachten, immer wieder Weihnachten. Und dieses Weihnachten, die Begegnung mit Gottes Kind, passiert nicht nur am 24.12. Sie kann immer passieren und sie passiert immer, wenn wir genau hinsehen. Weihnachten ist, wenn wir unsere Kinder wirklich wahrnehmen, ihre Schönheit und unverstellte Klugheit entdecken und ihre Begeisterungsfähigkeit. Und Weihnachten ist auch, wenn wir dem Kind in uns erlauben zu erwachen. Wenn wir Erwachsenen uns erlauben, Tränen zu vergießen, wenn wir die Angst und Trauer, die in uns ist, zeigen. Wenn wir Hilfe zulassen und wir uns dankbar die Hände und die Arme nehmen, die man uns entgegenstreckt. Wenn wir darauf vertrauen, dass da Mächte sind, die unser Verstehen übersteigen, dass es einen Gott, Vater und Mutter aller Dinge, gibt, der uns liebt und uns zur Welt bringt. Dann sind und bleiben wir alle ein göttliches Kind, dann passiert Weihnachten.


November 2015

Erbarmt euch derer, die zweifeln. Judasbrief Vers 22

 

Erbarmt euch derer, die zweifeln. Klingt ja sympathisch. Ich zweifle auch oft. Ich habe meine Zweifel, ob wir noch lang in Frieden leben werden. Ich habe Zweifel, ob Kirche in unserem Land noch lange ein Gewicht und öffentliche Relevanz haben wird. Ich zweifle, ob das Evangelium und die Mahnung zu Nächstenliebe, ob all das, was unsere „abendländische Kultur“ ausmacht, die Werte, die aufgeklärte Vernunft, Demokratie, Solidarität, ob all das noch lange trägt. Ich hoffe, Sie erbarmen sich Meiner in Anbetracht dieser freimütig geäußerten Zweifel meinerseits.

Mir macht es Angst, dass Menschen Häuser anzünden, die Flüchtenden, Frierenden, Hungernden Schutz gewähren sollen. Bereits etwa 600 Anschläge auf Flüchtlingsheime in diesem Jahr. Mir machen die im Gleichschritt und unter deutschtümeligen Parolen zu Tausenden durch die Straßen Deutschlands getragenen Fackeln und Fahnen Angst. Es Macht mir Angst, dass viele Rassisten und Nazis öffentlich und lautstark zu gewaltsamen Handlungen gegenüber Flüchtlingen aufrufen, die der Praxis der Terrororganisation „Islamischer Staat“ leicht vergleichbar sind.

Ich zweifle daran, dass die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands jemals aufgearbeitet wurde. Heute treten mit brutaler Deutlichkeit die Folgen des jahrelang zu hörenden Ausspruchs: „Was kann ich heute für das, was die damals gemacht haben?“ zutage. Was können wir dafür? Wir können etwas dafür, dass wir nichts aus der Vergangenheit lernen. Wir können etwas dafür, dass gewaltbereite Neonazis Angst und Schrecken verbreiten dürfen, dass sie, wie unlängst in Kölleda, Sömmerda, Apolda oder Erfurt geschehen in größer Zahl, einer Gruppe Gegendemonstranten Gewalt androhen und diese öffentlich diffamieren. Wir können etwas dafür, wenn wir mutwillig gestreute Vorurteile und Lügen über „DIE“ Flüchtlinge nicht hinterfragen. Und weil ich deshalb zweifle, bete ich für und bekenne den Sieg der Barmherzigkeit.

 

Pfarrer Andreas Simon

 

25 Jahre Deutsche Einheit

Deutsche Einheit. Silbernes Jubiläum. 25 Jahre. Ist das wahr? Wie schnell ist die Zeit vergangen und was bedeutet so ein Datum? Eine magische Zahl, 25 Jahre. Es ist eine Zahl, die Anlass geben sollte, zurück zu blicken. Einen Moment innezuhalten.


Als ich in den letzten Tagen genau dies versucht habe zu tun und ich darüber nachdachte, was man für ein Bild benutzen könnte, um 25 Jahre deutsche Einheit darzustellen, kam mir eines ganz schnell in den Sinn.


D


Das D. Der Anfangsbuchstabe des Wortes Deutschland, des Wortes, auf das so viele stolz sind, wie man Meinungsumfragen entnehmen kann. Das D wie Dora, das D mit dem alle bestimmten Artikel in der deutschen Sprache beginnen. Das D, das Sie als Aufkleber an vielen Heckklappen in Deutschland und anderswo fahrender Autos finden und das auf allen neueren EU-Nummernschildern dieser Fahrzeuge eingeprägt ist. Dieses D steht für eine Identität. Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, ich bin ein Deutscher. „Jetzt reden wir mal deutsch miteinander.“ D, wie deutsch.


Diesem D folgt lange schon kein R mehr. Kein Deutsches Reich, seit Jahrzehnten. Diesem D folgt auch kein DR mehr. Keine Deutsche Demokratische Republik, seit 25 Jahren.


Dieses D steht heute auf Aufklebern und Nummernschildern für sich allein.


In juristischer Sprache tritt das D sogar etwas zurück. Deutsch steht nicht am Anfang. Sondern andere Konsonanten. BR. Bundesrepublik Deutschland. BR und dann D. Wir sind nämlich eigentlich kein Land der Deutschen. Und wir waren es nie. Wir sind eine Bundesrepublik. Ein föderalistischer Staat. Ein Land der geteilten Gewalten und ein Land mit einer Verfassung, die sich vor Gott und den Menschen dazu bekennt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Nicht die Würde des Deutschen, sondern die Würde des Menschen. Wir sind laut Grundgesetz ein Bund für ganz verschiedene Menschen.


Das D kommt zuletzt und man könnte meinen, das B sei wichtiger. Aber weil manche das D immer noch über alles stellen wollen und unsere Realität immer noch kein Bund ist, weil das B des Bundes noch nicht stark genug ist, ist heute das D das bessere Symbol für unser Deutschland.


Das D ist ein halber Kreis. Ein abgeschnittener Kreis. Durch den Kreis der Menschen, die in Deutschland leben, geht auch heute, 25 Jahre nach „der Wende“ ein Riss. Immer noch sind Menschen draußen, ausgegrenzt. Immer noch gibt es Unterschiede zwischen Ost und West und zwischen Nord und Süd. Immer noch macht man im Land des Bundes Unterschiede zwischen Deutschen und Mensch mit Migrationshintergrund. Immer noch gibt es Menschen, die durch das Netz des Bundes fallen. Immer noch gibt es Menschen, die das D bei BRD im Zentrum sehen und die am liebsten BR wieder streichen würden und das D alleine sehen. Immer noch sind wir kein Bund, dessen Mitglieder die Würde, die unverbrüchliche und gottgegebene Würde des Nächsten anerkennen.

Dieses D, der abgeschnittene Kreis, ist ein Symbol für die Bundesrepublik Deutschland, gestern und heute.


Ich bin dankbar, dass wir heute auf dieses Ereignis vor 25 Jahren zurückblicken können. Ich bin dankbar, dass es die friedliche Revolution gegeben hat und ziehe den Hut, vor jedem, der sich damals und heute für Demokratie und Menschenrechte einsetzte und einsetzt. Und ich träume weiterhin davon, dass unsere Bundesrepublik immer mehr ein Bund wird. Dass wir das D irgendwann kleiner schreiben und, wenn das B schon an Belgien vergeben ist, vielleicht wenigstens BRD eines Tages die Nummernschilder ziert. Dass wir ein Land des Bundes werden, indem tatsächlich alle, die hier leben, vor Gott und den Menschen gleich sind und deren Würde unverletzlich ist. Träumerei? Eine Utopie? Mag sein. Die Befreiungstheologin Dorothee Sölle schrieb einmal: „Ich glaube, dass ein Paradies eine Utopie ist, […] etwas, was wir entwerfen und von dem aus wir unsere Gegenwart korrigieren können. [In] dieser Korrektur unserer Gegenwart, in diesem immer wieder neuen Entwurf, [besteht] unser Leben.“ Machen Sie mit! Werden wir zusammen zum Bund, für eine Bessere Zukunft! Hören wir auf die Bibel und sehen in diesem Licht unsere diesjährige Jahreslosung: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“ (Römerbrief 15,7)

Predigt vom August 

Warum sind wir Christen? Oder wozu?

Was von dem, das Gott als Pflänzlein in unser Herz gesät hat, hat Auswirkungen auf uns und die Welt?

Da ist ein Glaube, dass es etwas Höheres gibt, als das, was wir sehen und verstehen können, dass da ein höheres Prinzip existiert, welches die Welt als etwas Gutes erscheinen lässt. Das nennen wir Gott. Wir geben dem einen Namen, was wir da erfahren. Wir richten uns nach diesem Namen aus, wenn wir dankbar sind oder voller Kummer. Gott ist in unserem Leben und das ist für unser Selbst- und Weltbild wichtig.

Mancher hat das Gefühl: „Nur durch Gott erhält das Leben einen Sinn.“ Aber mal unabhängig von diesem Gefühl, frage ich, was trägt der Glaube an Gott aus? Was verändert er an der Welt und den Zuständen in ihr?

Auf einer abstrakten Ebene, glaube ich, ist das vor allem eines, es sind die christlichen Werte, die die Welt verändern. Auf diese verweisen oft Familien, die ihr Kind taufen lassen wollen, und die nach ihren Beweggründen dafür gefragt werden. So ganz allgemein und abstrakt gesprochen, die christlichen Werte, die Zehn Gebote, das Prinzip der Nächstenliebe, Familie, Respekt gegenüber Mensch und Natur. Und nicht zu vergessen, mindestens ebenso abstrakt, die Hoffnung auf Erlösung und ewiges Leben. Die verändert für manchen auch etwas.

 

Was ich gerade zusammengefasst habe, ist nicht leicht zu verstehen oder zu behalten. Es ist eben abstrakt, Theorie, mit diesen komplizierten Worten nicht greifbar.

Die Frage: Warum sind wir Christen und wozu? Scheint mir noch nicht beantwortet zu sein.

Das ist doch bisher "nur Gerede".

 

Für mich ganz persönlich oder auch für meine Frau, die in der letzten Woche ihr Vikariat begonnen hat, ist diese Frage aber fundamental.

Wozu denn das alles? Wozu Predigen? Wozu Christenlehre, Religionsunterricht, Gottesdienst, Gemeindearbeit? Was kommt dabei raus? Das ist doch alles zu abstrakt.

Seit zweitausend Jahren predigen Christen das Evangelium, Nächstenliebe, Feindesliebe, die Zehn Gebote. Und seit zwei Tausend Jahren töten Christen, verfolgen Christen, unterlassen Christen Nächstenliebe. Da ist unsere heutige christlich geprägte Rechtsprechung klarer als die  Realität christlicher Lebensentwürfe in unserer Gesellschaft. Das Strafgesetzbuch weiß, dass Unterlassung in bestimmten Momenten falsch, verurteilenswert, strafbar ist. Aber was wissen wir darüber, wie ein christliches Leben in die Welt wirken soll?

 

„Aber Herr Pfarrer, sagen Sie doch mal, was DIE hier wollen. DIE wollen doch nur unseren Staat ausnutzen. DIE haben doch keine NOT. Die wollen doch NUR in ein Land, wo sie schöner leben können. DIE sollen daheim bleiben.“ Ich könnte noch hässlichere Aussagen, die ich aus den Mündern von Christen vernommen habe, zitieren. Aber das lasse ich.

 

Diese Sätze sind wie die des Pharisäers über den reumütigen Zöllner, der sagt: Danke Gott, dass ich nicht bin wie dieser. Wir sind so schnell dabei uns selbst gerecht zu sprechen und was bleibt am Ende von und unserer Rolle in der Welt.

 

Ich lese nun eine Geschichte aus der Bibel vor, wo zu erkennen ist, was Jesus unter Nächstenliebe versteht.


Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Jesus antwortet: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

 

Für mich ist diese Geschichte sehr wichtig. Denn sie gibt eine Antwort, auf die Frage: was bleibt vom christlichen Glauben, beziehungsweise, was könnte bleiben?

 

Christlicher Glaube wird wirksam in der Welt, durch die Tat. Meiner Frau wurde am Dienstag bei ihrer Einsegnung in den Dienst als Vikarin folgender Segensspruch zugesprochen,

aus dem 1. Johannesbrief: Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.


Wenn wir das nicht tun, anderen nach unseren Möglichkeiten tatkräftig helfen, vom Nachbarn bis zum Asylbewerber oder hilfesuchenden Obdachlosen bis zum psychisch oder physisch Kranken, wird der christliche Glaube unter uns nicht überleben können.

Nach den aktuellen Entwicklungen in der Frage nach Asylpolitik werde ich mich deutlicher positionieren. Wir haben Verantwortung für Hilfesuchende und wir haben nicht das Recht deren mögliche Motivation für die Ausreise oder Flucht aus dem Heimatland zu beurteilen.

Die polarisierenden Darstellungen in den Medien, wo beispielsweise jemand sagt, er wolle keine Kleidung aus zweiter Hand tragen oder er beanspruche Luxusgüter oder sonst irgendetwas, sind nicht repräsentativ. Millionen von Menschen, die aus gut gebildeten, gut ausgebildeten und materiell gut gestellten Verhältnissen stammen, stehen vor unserer Tür und nicht primitive Untermenschen (Vokabular aus einer Zeit, die längst überwunden sein sollte, dies aber längst nicht ist), die uns ausrauben oder Gewalt antun wollen.

 

Ich möchte zum Schluss gern noch die Stellungnahme unserer Landesbischöfin zu dieser Frage verlesen und dann mit einer Einladung schließen.

 

Jesus sagt: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Matthäus 25, 40)

 

Liebe Schwestern und Brüder in den Kirchengemeinden!

 

Schlimme Bilder sehen wir in diesen Tagen: Häuser brennen. Steine fliegen. Menschen werden beschimpft und bedroht und fürchten um ihr Leben. Umstehende klatschen Beifall dazu. Das geschieht nicht nur in Heidenau. Es geschieht leider an vielen Orten in Deutschland, auch auf dem Gebiet unserer Landeskirche. Mich erschüttert das Ausmaß an Hass und Gewaltbereitschaft Menschen gegenüber, deren einziges „Vergehen“ es ist, in unserem Land Schutz zu suchen. Grundlegende Werte unseres Zusammenlebens sind in Gefahr. In dieser Situation sind wir als Christinnen und Christen besonders herausgefordert.

 

„Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu Essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25, 35ff) Mit diesen Worten stellt Jesus sich eindeutig auf die Seite der Schutzsuchenden. Aus dieser Haltung speist sich unsere europäische Kultur, und sie gehört erst recht zum Kern unseres Glaubens: den Schwachen stützen, dem Verfolgten Schutz gewähren, dem Notleidenden helfen. Mitmenschlich handeln, das gehört elementar zu unserem Menschsein.

 

So bitte ich Sie besonders in diesen Tagen und Wochen, für Menschlichkeit einzustehen. Jeder Mensch hat eine unverlierbare Würde, ganz egal, woher er kommt und welche Sprache er spricht.

In jedem Flüchtling begegnet uns das Antlitz Christi. Ich bitte Sie eindringlich, Herz und Gesicht zu zeigen, wo immer die Menschenwürde bedroht wird: Sagen wir Nein, wenn Menschen diffamiert und verunglimpft werden – auf der Straße, am Stammtisch, in der Schulklasse und unter Kollegen. Fühlen wir uns ein in die Situation derjenigen, die vor Krieg, Verfolgung und Not geflohen sind und oft Furchtbares erlebt haben. Hören wir ihnen zu. Helfen wir ganz praktisch – mit Kleidung, mit Sprachunterricht, mit Unterstützung im Alltag. Öffnen wir unsere kirchlichen Räume für Gespräche und Begegnungsmöglichkeiten. Unsere Landessynode hat einen Fonds bereitgestellt, um diese Arbeit finanziell zu unterstützen. Herzlich danke ich allen, die sich jetzt schon für Flüchtlinge engagieren!

 

Und ich habe eine zweite Bitte an Sie: Bleiben Sie im Gespräch mit denen, die Ängste und Vorbehalte haben angesichts der großen Zahl von Menschen, die zu uns kommen.

Denn es stimmt ja: Die Herausforderungen für unsere Gesellschaft sind enorm. Manche zweifeln, ob die Sozialsysteme der Belastung gewachsen sind. Manche fürchten um die kulturelle Identität. Erinnern wir uns: Nach dem 2. Weltkrieg haben Millionen von Flüchtlingen im heutigen Deutschland Zuflucht gefunden. Ich bin mir sicher: Unser Land ist auch heute stark genug, um die Menschen aufzunehmen, die ein Recht auf Schutz vor Krieg und Verfolgung haben. Treten wir als Kirche, als Kirchengemeinden und als einzelne Christinnen und Christen dafür ein – im Namen der Menschlichkeit und im Namen Jesu!

 

Mit herzlichen geschwisterlichen Grüßen bin ich Ihre

Landesbischöfin

der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

 

Ich bitte Sie sich in Zukunft gut zu überlegen, welche Vermutungen Sie über die Unbekannten aus anderen Ländern und deren Beweggründe das Heimatland zu verlassen, sie anstellen.

Ich bitte Sie andern gegenüber zurückhaltend mit Unterstellungen und Vorurteilen zu sein. Gerade Kinder und Jugendliche nehmen die Vorurteile ihrer Eltern und Großeltern ungefiltert auf und relativieren diese nicht. Angst und Vorurteile sind der beste Nährboden für Aggression und Rassismus. Und ich lade Sie ein mit mir und anderen aus unseren Orten darüber nachzudenken, wie auch wir Hilfesuchenden, und sei es für eine begrenzte Zeit, ein Zuhause bieten können. Wenn die Entwicklung anhält, werden Asylsuchende auch in Rastenberg und den umliegenden Orten ankommen und es wäre besser, wir würden vorbereitende Schritte gehen, uns einstellen, bevor wir von außen gezwungen werden und dann vielleicht Ausschreitungen und gewaltsame Übergriffe die Folge sind.

Die Unsicherheit unserer Welt, rückt uns näher. Nur durch tätigen Glauben werden wir etwas hinterlassen und nur dieser ist wirklich Zeuge gelebter Werte und realer Gottesliebe.


Pfarrer Andreas Simon

August September 2015

„Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest!“ (1. Mose 32,37)

Ungerechtigkeit verbindet. Das mag merkwürdig klingen, aber es trifft zu. Ich kann kaum etwas schlechter loslassen, als den Gedanken an einen Menschen, der mich ungerecht behandelt hat. Wenn ich etwas getan habe, für das ich mir Anerkennung wünsche, und ernte nur Spott, ist das kaum erträglich. Oder wenn jemand Macht über mich hat und diese mir zu Schaden ausnutzt, werde ich aggressiv. Die Gewalt des anderen überträgt sich auf mich. Ich werde ihm ähnlich. Das Unrecht verbindet uns miteinander. Leider ist so eine Verbindung belastend. Sie zieht wie ein Stein an mir und das Wasser steht mir dann bis zum Hals.

Als Jakob den Fluss Jabbok betrat, begegnete ihm ein Fremder. Die beiden kämpften miteinander. Keiner kann sagen, wer angefangen hat. Nach langem Ringen ist Jakob verwundet, doch er ist so stark mit seinem Gegenüber verbunden, dass er nicht daran denkt, ihn gehen zu lassen. Es ist kein Ende des Kampfes abzusehen. Keiner gibt auf. Da spricht Jakob den anderen an. Er beleidigt ihn nicht. Er bittet ihn auch nicht aufzuhören. Er sagt: „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“

Jakobs Intervention ist genial. Er muss nicht als Unterlegener fliehen, wird aber auch nicht selbst zum Gewaltigeren. Jakob fordert den anderen auf, seine Perspektive auf ihn zu verändern: „Segne mich! Sieh mich so an, wie du gesehen werden willst! Sieh in mir den Menschen, der dir ähnlich ist!“ Eine unwiderstehliche Forderung. Der andere segnet. Der Kreislauf des Unrechts ist durchbrochen.

Wie fühlt es sich an, in dem fiesen Arbeitskollegen einen Menschen zu sehen, der gesegnet werden möchte? Oder den gemeinen Nachbarn zu segnen, in ihm auch sich selbst zu sehen, im verunsichernden Fremden einen Menschen mit Ängsten und Schwächen, sich selbst  eben und zugleich ein Bild Gottes?

 

Pfarrer Simon

 


Andacht Mai Juni 2015

Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.“ Freilich, aber was, wenn die Kraft nachlässt? Gibt ER mir dann etwa keine? 

Oder was, wenn die Kraft, die mir gegeben wird und die ich nach bestem Wissen und Gewissen einsetze, verpufft?

In der Bibel liest man seit Jahrhunderten: „Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken, denn ihr seid selbst Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“ (2. Mose 23,9) oder von Jesus, der sagt: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ (Matthäus 25,35)

Und was davon hat die Menschen erreicht? Man blicke nur auf die Kirche. Wieviele von den fast 50 Millionen in Deutschland lebenden Christen heißen fremde Menschen, Menschen aus anderen Ländern, Religion und Kulturen wirklich willkommen, bieten verfolgten und vom Tod bedrohten Menschen Herberge an?

Ist die Kraft Gottes, die aus der Bibel zu uns sprechen will, vielleicht selbst nicht groß genug? Vermögen wir in Wirklichkeit vielleicht viel weniger, als wir denken? Machen wir uns was vor?

Die Angst vor dem Fremden, Verunsicherung und zum Teil offener Rassismus und Diskriminierung von Menschen fremdländischer Herkunft erhitzten derzeit die Gemüter.

Ich bete zu Gott, dass er mir die Kraft gibt, dass ich mich dieser Entwicklung entgegenzustellen vermag und dass ich mit anderen nach Wegen für ein weltoffenes Miteinander suchen kann.

Es muss doch möglich sein, Vertrauen zu schaffen. Es muss doch möglich sein, zu helfen und die diffuse Angst in uns zu überwinden.

Ich gebe nicht auf und vertraue auf Gott, der mir Kraft gibt. 

Amen.

                                                       Pfarrer Andreas Simon


Andacht März April 2015

Was für eine Vorstellung, Jesus sei der Sohn Gottes gewesen? Er war doch wohl auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Die Worte der Losung für April werden laut Matthäusevangelium durch einen römischen Hauptmann gesprochen. Der nennt Jesus „Gottes Sohn“, nachdem dieser am Kreuz gestorben und ein Erdbeben zu spüren war.

Vorstellungen von einer Gotteskindschaft hat es in einigen Religionen gegeben. In den antiken Mythologien Griechenlands, Roms oder unter den Germanen hatte man kein Problem mit der Vorstellung, die Götter hätten mit menschlichen Frauen Kinder gezeugt. Man denke nur an  den berühmten Herkules.

Und auch im Judentum der Antike verlieh man besonderen Persönlichkeiten, nämlich den jeweiligen Herrschern, unter anderem den Titel „Sohn Gottes“, wie eine Inthronisationsformel aus Psalm 2, Vers 7 belegt: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“.

 

Interessanterweise sagt Jesus in der Bergpredigt: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäusevangelium Kapitel 5, Vers 9).

Es scheint, als könnten wir, laut Jesus, alle zu Gottes Kindern werden, nicht als Herrscher oder als real durch Gott gezeugte Wesen, sondern dadurch, dass Gott uns segnet. Und Gott segnet, die ihm vertrauen und die aus diesem Vertrauen heraus versuchen, ihr Leben zu gestalten, zum Beispiel indem sie friedfertig sind.

Jesus hat das erkannt und gelebt. Er hat den Menschen Gottes Willen mit seinen Worten und Taten zu erkennen gegeben. Und vielleicht kann er dadurch auch in besonderer Weise als Gottes Sohn gelten, als Erstgeborener, als Offenbarer des göttlichen Willens. Aber dieser Wille ist, dass wir alle zu Gottes Kindern werden.

 

Pfarrer Andreas Simon

Jahreslosung 2015: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Römerbrief 15,7

Es werde Licht. So heißt es in der Geschichte von der Erschaffung der Welt im Ersten Buch Mose. Ein bevorstehendes Jahr hat auch etwas von einem entgegenkommenden Licht, von etwas Neuem, hoffentlich Hellem.

„Licht“ ist vielleicht eines der schönsten Wörter der deutschen Sprache. Wenn man es einmal ganz bewusst vor sich hin sagt, stellt man sich automatisch vor, wie etwas heller wird, wie sich etwas schön, warm und sicher anfühlt.

Kleine Kinder möchten gern, dass sie am Abend von ihrem Bett aus noch irgendwo ein kleines Licht schimmern sehen. Am besten die Tür offen lassen oder ein kleines Lämpchen in einer Ecke des Raumes. Und die Erwachsenen leiden am Verlust des Lichtes in der Winterzeit, wenn sie morgens im Dunkeln das Haus verlassen und abends im Dunkeln nach Hause kommen. Licht ist lebensnotwendig. Auch die guten Vorsätze für ein neues Jahr sind wie kleine, verheißungsvolle Lichter in unseren Seelen. Sie scheinen wie ein Neuanfang, als bestünde die zarte Hoffnung, dass die eigene Welt am ersten Januar neu erschaffen wird und man wieder eine Chance erhält, diesmal alles besser zu machen. Licht ist nichts anderes als ein Symbol für die Hoffnung auf das Gute.

Die Losung für das Jahr 2015, für das ich Ihnen von Herzen Gottes Segen wünschen möchte, macht das Gute etwas konkreter. Sie erzählt etwas vom Guten und sie fühlt sich beim Lesen ein bisschen an wie Licht. Ein guter Ansatzpunkt für das gute, bessere neue Jahr. Vielleicht nehmen Sie diese Wort ja als Ihr Lichtwort mit ins neue Jahr und werden mit ihm im Herzen selbst für andere wie ein gutes Licht: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

 

Pfarrer Andreas Simon

"Macht hoch die Tür!" Der Titel des bekannten Adventsliedes von Georg Weissel passt hervorragend in die derzeitige Rastenberger Landschaft.

Täglich öffnen Familien und Institutionen in Rastenberg, Roldisleben und Rothenberga eine Tür und heißen die Öffentlichkeit zum lebendigen Adventskalender willkommen. Diese Aktion finden auch viele Leute toll, die außerhalb der benannten Orte wohnen.  Manche sagen: "Das ist echt schön, was die da auf die Beine stellen. Bei uns würde es so etwas nicht geben können." Warum eigentlich nicht? Es ist klar, irgendjemand muss dabei vorangehen. Irgendjemand muss Verantwortung übernehmen. Das ist das eigentliche Problem. Wir müssen unsere Türen wieder mehr öffnen. Die Angst, die uns durch die Medien souffliert wird und die Bequemlichkeit, die sich in den Alltag einschleicht, die Verführung sich hinter den eigenen Mauern sein ganz persönliches Paradies zu erschaffen, lässt diese Gesellschaft zunehmend vereinsamen und in den zwischenmenschlichen Beziehungen verarmen.

 Der Titel des oben genannten Liedes geht auf einen biblischen Text zurück, Psalm 24: "Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!" Was geschichtlich tatsächlich einmal ein Lobruf an den regierenden König in der Antike war und später auf den in Jerusalem einziehenden Jesus von Nazareth bezogen wurde, kann aus anderer Perspektive auch heute Geltung beanspruchen. "Der Gast ist König", sagt ein volkstümliches Sprichwort. In jedem Menschen sollten etwas von Gott erkennen können. Und wie kann man Gott selbst mehr dienen, als dass man ihn in Gestalt eines Mitmenschen zu sich einlädt, mit ihm oder ihr speist und ein Stück des Lebens teilt? Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit. Machen Sie ihre Türen auf! Übernehmen Sie Verantwortung für eine Zukunft in guter Gemeinschaft.

 

Pfarrer Andreas Simon

Losung für November:

Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen!
Jes 1,17 (E) 

„Lernt, Gutes zu tun!“ Das ist ein Satz, der im ersten Moment ein positives Gefühl hinterlässt. Mensch, wäre das schön, wenn die Leute mehr Gutes tun würden, sich mehr gesellschaftlich engagieren, freundlicher sein, wohltätige Zwecke unterstützen würden.

Manchmal könnte man ja durchaus beobachten, dass sich viele Menschen, ganz im Gegenteil zur obigen Forderung, in ihre eigenen vier Wände zurückziehen und vom Rest der Welt nicht allzu viel wissen wollen. Die Gründe dafür sind meist auch gut verständlich. Man hat sowieso zu wenig Zeit für die Familie, die Arbeitszeiten ufern hier und da ganz schön aus, Vereinsleben ist im Grunde zu zeitaufwändig, man braucht auch hin und wieder seine Ruhe und Beziehungen zu anderen Leuten sind häufig zu unsicher und mithin sogar ein Last.

Außerdem kann man auch entgegnen: „Was heißt das denn: Lernt Gutes zu tun!?“ Wer legt denn fest, was gut und was schlecht ist? In dieser globalisierten Welt ist zwischen Gut und Böse kaum noch zu unterscheiden. Die Zusammenhänge, etwa der Weltwirtschaft, sind viel zu komplex. „Will die Kirche, wenn sie diesen Vers verkündigt, etwa Moralapostel spielen? Mal ehrlich, die haben doch selbst genug Dreck am Stecken!“

Im Buch des Prohpeten Jesaja, das vor über 2500 Jahren entstand, steht dieser Vers: „Lernt, Gutes zu tun!“. Was das damals hieß, wird ganz prägnant zusammengefasst: „Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten!...“ Mag sein, dass wir nicht genau wissen, was das Gute heute ist. Aber dennoch, es wird Zeit damit anzufangen.


Pfarrer Andreas Simon

September/ Oktober

„Seid nicht bekümmert; denn die Freude am Herrn ist eure Strärke.“ (Nehemia 8,10) Das ist doch Quatsch: „Ich mach mir jetzt einfach keine Sorgen mehr. Ich freu mich am Herrn. Das reicht mir.“ Diese Zeit ist so schnelllebig. Jederzeit kann sich mein Leben, so wie ich es gewöhnt bin, drastisch verändern. Berufsverlust, Krankheit, Streit in der Familie, ein Unfall kann mich von jetzt auf gleich treffen. Das ist doch Grund genug sich Sorgen zu machen. Wie soll einem Gott in dieser Frage helfen? 


Das Leben ohne Gott, ohne den, von dem ich glauben kann, dass er dem Leben einen tieferen Sinn gibt, der mehr ist als unserer eigenen Hände Kraft, das Leben ohne diesen Gott, macht die Menschen verrückt. Ohne Gott muss ich mir mein eigenes kleines Paradies, die Illusion des vollkommenen Mikrokosmos, wenigsten innerhalb meiner eigenen vier Wände, erschaffen. Ich muss der Vergänglichkeit aus dem Weg gehen, sie durch schicke Möbel und Kosmetik ausblenden. Das überfordert mich. Irgendwann komme ich an meine Grenzen. Irgendwann scheitere ich. Habe ich alles aus eigener Kraft erschaffen, trage ich auch für das Scheitern die Alleinverantwortung. 


Aber ist da Gott, kann ich sagen: „Ich bin nicht allein, niemals. Gott ist der Schöpfer. Er ist´s, der mich annimmt und bei dem ich mich gewollt wissen darf. Er ist´s, der meinem Leben wirklich Sinn gibt. Und das macht, bei aller begründeten Angst, auch froh und hoffnungsvoll.


Pfarrer Andreas Simon